AG 60plus

Arbeitsgemeinschaft 60 plus in der SPD

In einer Reihe von losen Beiträgen, Terminankündigungen und Berichten zu aktuellen politischen Themen mit seniorenspezifischem Hintergrund möchten wir auch die Generation „60plus“ stärker einbinden und informieren. Melden Sie sich gerne bei Volker Kuhlwein (v.kuhlwein(at)t-online.de) bei Fragen und Anregungen.

 

03.08.2016

ERINNERUNG: DEUTSCHE BRAUCHTEN IMMERHIN 10 MONATE ZUR ABSCHAFFUNG DER DEMOKRATIE

30.01.1933
Hindenburg beruft Hitler zum Reichskanzler
Beginn der Diktatur in Deutschland

27.02.1933
Inszenierter Brand des Reichstagsgebäudes, in der Folge erste Verhaftungen politisch Andersdenkender, u.a. KPD –Verbot im Reichstag

28.02.1933
Verordnung zum Schutze von Volk und Staat – Einschränkung der bürgerlichen Grundrechte

05.03.1933
Letzte Reichstagswahlen mit mehreren Parteien, NSDAP 288 Sitze – nur 44% ! – deshalb

24.03.1933
Ermächtigungsgesetz, Selbstentmachtung des Parlaments

01.04.1933
Boykott jüdischer Geschäfte erste verordnete antisemitische Maßnahme, Ächtung Andersdenkender

02.05.1933
Entmachtung u. Enteignung der Gewerkschaften Gleichschaltung Arbeitnehmer in der „NS-Arbeitsfront“

14.07.1933
Gesetz gegen Neubildung von Parteien, Parteienverbot, Einpar­teienstaat

22.09.1933
Reichskulturkammergesetz
staatlich verordnete Leitkultur

04.10.1933
Schriftleitergesetz – alle Medien unter Nazi-Parteiführung, Einheitsmeinung!

19.10.1933
Deutschland erklärt Austritt aus dem Völkerbund
nationale Autonomie u. internationale Isolierung, Machtpoker, Großmacht

12.11.1933
Erste Reichstagswahlen im Einparteienstaat
„DAS VOLK“ wählt mit 92 PROZENT (!!) Hitler und seine Partei!

….und Erdogan?…..

Wie sich doch „herbeigeführte“ Ereignisse und Maßnahmen ähneln!

Wir Oldtimer in der SPD sind besorgt!

 

30.01.2015

SCHLUSS-STRICH – 70 JAHRE NACH AUSCHWITZ?

Am 27. Januar 2015 fand am Gedenkstein „KZ-Sasel“ am Feldblumenweg wieder eine würdige Feierstunde der Initiative „Für ein lebenswertes Sasel“ mit vielen älteren Teilnehmern und einer Schulklasse des GOA statt.

Der Leidensweg der Frauen aus diesem Lager ist nicht vergessen und mahnt und alle.

Auschwitz hat meine Generation geprägt, eine Generation, die mit dem beschämenden Schweigen von Eltern, Lehrern und politisch Verantwortlichen in der jungen Bundesrepublik Ende der vierziger, Anfang der 50er Jahre heranwuchs und damals nur scheibchenweise von dem unfassbaren Ausmaß staatlich verordneten Mordens während der NS-Zeit erfuhr. Gefragt und angesprochen darauf gab es von Altvorderen vorgetäuschte oder echte Ignoranz oder die Standardvokabeln wie Gräuelpropaganda, Siegerjustiz, Nestbeschmutzer. Familien brachen nach Debatten darüber auseinander. Erst der hessische SPD-Staatsanwalt Fritz Bauer hat 1964/65 mit der Durchsetzung der Auschwitzprozesse das „Labyrinth des Schweigens“ für die Öffentlichkeit durchbrochen und in der Folge hat die 68er Generation sich dann aggressiv mit Argumenten gegen Holocaustleugnung und gegen die gesellschaftlich verkrusteten Strukturen der Nachkriegsgesellschaft generell auseinandergesetzt. Dank sei ihnen!

Aber das Trauma ist meiner Generation geblieben. Und die Konsequenz hieß für uns ein Leben lang: NIE WIEDER !70 Jahre nach Auschwitz sind mehr als 80 Jahre in meiner Generation und heute „Schlussstrichdebatte?“

Volker Kuhlwein

 

In der ZEIT vom 29.01.2015 finde ich für meine Generation folgende nachvollziehbare Zeilen von HEINRICH WEFING

„….Heute, im Jahr 2015, stehen wir an der Schwelle zwischen der persönlichen Erinnerung und der musealen Gedächtniskultur. Die letzten Überlebenden des Völkermordes sind Greise, und auch die Mörder und Mittäter sind fast nicht mehr unter uns. Wir haben niemanden mehr, den wir noch fragen können. Aber jetzt muss auch niemand mehr mit Opa über den Holocaust streiten, Familienfeiern sind keine Geschichtstribunale mehr. Niemand muss mehr damit rechnen, dass der Lehrer, der Staatsanwalt oder der Abteilungsleiter ein Altnazi ist. Der Generationenkonflikt, den die Achtundsechziger angezettelt haben, ist entschieden, nicht nur biologisch, auch politisch. Das kollektive Schweigen ist gebrochen. Spät, sehr spät, aber immerhin.

Damit einher geht eine Verlagerung der Erinnerung, aus den Familien, in die Institutionen. Das Gedächtnis an den Holocaust ist gleichsam verstaatlicht worden. Was nicht nur heißt, dass es neben vielen privaten und lokalen Initiativen vor allem öffentliche Einrichtungen sind, die die NS-Vergangenheit erforschen, Briefe, Bilder und Artefakte bewahren. Verstaatlichung heißt, dass die Bundesrepublik das Gedächtnis an den Holocaust offiziell zu ihrer Sache gemacht hat. Im Verfassungsbogen der Parteien, der von ziemlich weit rechts bis ziemlich weit links reicht, ist das Bekenntnis zur politischen Verantwortung, die aus dem Holocaust folgt, Konsens geworden.

Das zeigt sich in den vielen Denkmalen und Gedenkstätten, die in den letzten Jahren errichtet wurden, mit eigenen Erinnerungsorten für viele Opfergruppen, die Euthanasie-Opfer, die Homosexuellen, die Sinti und Roma, und mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin im Zentrum. Nichts davon ist überflüssig, aber es ist eben auch wahr, dass Denkmale, die wir jeden Tag ansehen, aus unserem Blick verschwinden: Sie werden vor unseren Augen unsichtbar.

Und es gibt noch eine weitere Verschiebung in der Erinnerungskultur, eine, deren Folgen einstweilen schwer abzuschätzen sind. Immer mehr Menschen leben in diesem Land, die keine familiäre Beziehung zur deutschen Vergangenheit haben. Menschen, deren Urgroßväter nicht an der Ostfront waren, deren Verwandte nicht in den Bombenkellern ausharrten. Menschen, deren Vorfahren in der Türkei, in Vietnam oder Eritrea lebten. Wie sie in ihre ohnehin komplexe Identität die Erinnerung an den Holocaust integrieren, wird sie prägen – und das deutsche Gedenken. Als deutsche Staatsbürger können sie die NS-Vergangenheit nicht einfach abweisen; aber umgekehrt kann auch die hiesige Erinnerungskultur nicht ignorieren, dass viele Zuwanderer aus dem Mittleren Osten auf den Holocaust durch die Brille des Konflikts zwischen Israel und Palästina blicken, mit teils massiven antisemitischen Vorurteilen. Damit umzugehen ist unvermeidlich. Und es wird die Debatte um die Erinnerung neu erhitzen.

Erinnerung ist nichts Statisches, nichts Abgeschlossenes. Jede Generation hat einen eigenen Zugang zum Holocaust. Vielleicht braucht es dafür mitunter Appelle, aber sicher keine Verordnungen. Viel wichtiger ist etwas anderes: Neugier. Und Empathie. Und diese Form des Mitgefühls ist keine Frage des Alters, der Herkunft oder der Religion.“

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